Freie Christen für den Christus der Bergpredigt

Die Wiederherstellung der Hölle

Die Wiederherstellung der Höllevon Leo Tolstoj
Übersetzung aus dem Polnischen.

Es geschah in jenen Zeiten, als Christus den Menschen seine Lehre nahebrachte. Diese Lehre war so verständlich und ihre Anwendung im Leben so leicht, so augenscheinlich auch befreite sie die Menschen vom Bösen, dass man nichts dagegen einwenden konnte. Nichts konnte also ihrer Verbreitung Einhalt gebieten. Belzebub – der Vater und Gebieter der Teufel – erschrack. Er erkannte sehr genau, dass seine Macht über die Menschen für immer zu Ende gehen würde, wenn Christus nicht aufhörte, seine Lehre zu verbreiten. Er war in Angst, aber er verlor nicht die Hoffnung und wiegelte die ihm hörigen Pharisäer und Schriftgelehrten auf, auf dass sie Christus so schlimm wie irgend möglich beleidigten und quälten; dessen Jüngern jedoch flüsterte er ein, zu flüchten und ihn allein zu lassen. Er vertraute darauf, dass die Verurteilung zu einem schändlichen Tod, die Verspottungen, das Alleingelassenwerden durch all seine Jünger und schließlich die Qualen und die Todesstrafe bewirken würden, dass Christus sich im letzten Moment von seiner Lehre lossagte und dass diese Lossagung all seine Macht vernichten würde.

Die Sache entschied sich am Kreuz. Als Christus rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“, stieß Belzebub einen Triumphschrei aus; packte die bereitgelegten Ketten und schlang sie sich um die Füße, legte sie probehalber so an, dass sie nicht zerrissen werden konnten, wenn Jesus sie erhalten würde. Doch da waren vom Kreuz die Worte zu hören: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Gleich darauf rief Christus: „Es ist vollbracht“ und gab seinen Geist auf. Belzebub begriff, dass alles verloren war. Er wollte die Ketten lösen und flüchten, doch er konnte sich nicht von der Stelle bewegen. Die Ketten lasteten schwer an seinen Beinen. Er wollte mit seinen Flügeln davonflattern, doch konnte sie nicht ausbreiten. Und Belzebub sah, wie sich Christus in einem großen Licht an den Pforten der Hölle aufhielt, er sah, wie aus der Hölle die Sünder von Adam bis Judas herauskamen, er sah, dass alle Teufel auseinanderliefen, ja dass sogar die Wände der Hölle in alle vier Himmelsrichtungen auseinanderfielen, ohne einen Laut von sich zu geben. Er konnte diesen Anblick nicht ertragen, daher schrie er ohrenbetäubend und fiel in den bodenlosen Schlund hinab bis auf den zerborstenen Boden der Hölle.

II.

Es vergingen hundert, zweihundert, dreihundert Jahre ... Zeit zählte für Belzebub nicht. Ringsum war völlige Finsternis und Stille. Er lag bewegungslos da und bemühte sich, nicht an das zu denken, was geschehen war, und doch dachte er daran und glühte vor ohnmächtigem Hass gegen den Verursacher seines Untergangs.

Er erinnerte sich bereits an gar nicht mehr und wusste nicht mehr, wie viel hundert Jahre seit dieser Zeit verflossen waren, als er unversehens über sich Geräusche vernahm, ähnlich wie stampfende Füße, Stöhnen, Heulen und Zähneknirschen. Belzebub hob den Kopf und begann zu lauschen. Daran, dass nach dem Sieg Christi die Hölle wieder aufgerichtet werden könnte, konnte er nicht glauben, doch unterdessen wurde das Stampfen, Stöhnen, Heulen und Zähneknirschen immer deutlicher. Belzebub hob seinen Rumpf, zog die behaarten Beine mit den nachgewachsenen Hufen an sich heran (die Ketten waren zu seiner Verblüffung von ihnen abgefallen) und indem er frei mit ausgebreiteten Flügeln davonflatterte, gab er den üblichen Erkennungspfiff von sich, mit dem er früher seine Diener und Helfer herbeigerufen hatte. Es dauerte keinen Atemzug, und über seinem Haupt tat sich eine Öffnung auf, es flackerte ein rotes Feuer und eine Meute von Teufeln quoll in großem Gedränge durch die Öffnung in den Schlund und, ähnlich wie sich Raben um ein Aas versammeln, setzten sie sich um Belzebub herum.

Es gab große und kleine Teufel, fette und magere, mit langen und kurzen Schwänzen, mit geraden und gekrümmten Hörnern.

Einer der Teufel, begleitet mit einem über die Schultern geworfenen schwarzen und glänzenden Umhang, mit bartlosem, grimmigem Gesicht und herabhängendem Wanst hockte sich direkt vor dem Gesicht Belzebubs nieder und, indem er seine funkelnden Äuglein verdrehte, lächelte er unaufhörlich und wedelte mit seinem langen, dürren Schwanz hin- und her.

III.

„Was bedeutet dieser Lärm?“, fragte Belzebub, indem er nach oben deutete. „Was ist da los?“

„Das, was immer los ist“, antwortete der glitzernde Teufel mit dem Umhang.

„Aber gibt es denn noch Sünder?“, fragte Belzebub.

„O ja, viele“, entgegnete der Glitzernde.

„Und was ist mit der Lehre dessen, dessen Namen ich nicht erwähnen möchte?“, fragte Belzebub. Der Teufel mit dem Umhang fletschte die Zähne so, dass sich alle seine scharfen Hauer zeigten, und durch die ganze Meute wanderte ein gedämpftes Gelächter.

„Diese Lehre stört uns längst nicht mehr. Sie haben aufgehört, daran zu glauben“, antwortete der Teufel mit dem Umhang.

„Wie das? Diese Lehre, bezeugt durch seinen eigenen Tod, hat sie doch ganz klar von uns erlöst“, sagte Belzebub.

„So wäre es, wenn ich sie nicht umgearbeitet hätte“, entgegnete stolz der Teufel mit dem Umhang, indem er mit dem Schwanz auf den Boden schlug.

„Wie ist dir das gelungen?“

„Eigentlich musste ich gar nichts machen. Ich habe nur ein bisschen nachgeholfen.“

„Erzähl mir das kurz“, befahl Belzebub.

Der Teufel mit dem Umhang senkte den Kopf, schwieg einen Augenblick, wie um sich zu besinnen, und begann ohne große Eile zu erzählen.

„Als diese schreckliche Zeit herangekommen war, dass die Hölle zerstört wurde, und unser Vater und Gebieter unter uns fehlte, begab ich mich zu dem Ort, wo diese Lehre verkündet worden war, die uns um ein Haar in den völligen Untergang geführt hätte. Es erfasste mich das Verlangen, zu schauen, wie die Menschen leben, die sie umsetzen. Und ich sah, dass die Menschen, indem sie diese Lehre in ihrem Leben umsetzten, vollkommen glücklich und für uns unzugänglich waren. Sie zürnten einander nicht, sie verfielen nicht dem Zauber der Frauen und heirateten entweder gar nicht, oder hatten nur eine Frau; sie besaßen überhaupt kein Privateigentum, alles wurde als Gemeineigentum angesehen. Sie verteidigten sich nicht gegen die, die sie angriffen, und vergalten Schlechtes mit Gutem. Und ihr Leben war so gut, dass immer mehr und mehr Menschen sich ihnen anschlossen. Als ich das sah, dachte ich bei mir, dass alles verloren sei und wollte schon weggehen.

Doch gerade in dieser Zeit ereignete sich ein an und für sich geringfügiger Vorfall, der mir jedoch interessant erschien und ich blieb. Es geschah nämlich, dass unter diesen Menschen die einen der Meinung waren, dass sich alle der Beschneidung unterziehen sollten und dass sie das nicht essen dürften, was als Opfergabe für die heidnischen Götter vorbereitet worden war. Die anderen jedoch meinten, dass eine solche Beschränkung unnötig sei, und dass man keine Beschneidung vornehmen brauche und alles essen dürfe. Ich begann nun der einen und der anderen Seite einzuflüstern, dass diese Meinungsverschiedenheit von erstrangiger Bedeutung sei und dass man nicht nachgeben dürfe, weil es sich hierbei um eine bedeutsame Sache handle – um den Gottesdienst. Die Leute glaubten mir und ihr Zank nahm einen unversöhnlichen Charakter an. Dann begannen die einen und die anderen miteinander zu streiten, und daraufhin begann ich, ihnen den Gedanken einzugeben, dass man mit Wundern die Richtigkeit seiner Lehre beweisen könnte. Obwohl es eine klare Sache ist, dass man mit Wundern die Wahrheit einer Lehre nicht beweisen kann, standen die Menschen in einer solchen Begierde, recht zu haben, dass sie mir glaubten, wenn ich ihnen nur ein Wunder beschaffte. Und Wunder zu bewirken war für mich keine Schwierigkeit. Die Leute glaubten an alles, das ihr Verlangen, voreinander einzig recht zu haben, bestätigte. Die einen behaupteten, dass Feuerzungen zu ihnen herabgekommen seien, die anderen versicherten, dass sie den verstorbenen Erlöser selbst gesehen hatten und viele andere Dinge; sie bildeten sich ein, was es nicht gab und unbemerkt logen sie nicht weniger als wir, im Namen dessen, der uns Lügner genannt hatte. Die einen sagten über die anderen: „Eure Wunder sind nicht wahrhaftig“, aber diese antworteten: „Nein, eure Wunder sind doch unwahrhaftig, aber unsere sind echt“. Alles wurde gut, aber ich fürchtete, dass die Leute schnell den offensichtlichen Betrug erkennen könnten, und dann dachte ich mir die Kirche aus. Als sie an die Kirche glaubten, war ich bereits beruhigt. Ich erfasste, dass wir gerettet waren und die Hölle wiederhergestellt war.

IV.

„Was ist das eigentlich, eine ‚Kirche’?“, fragte Belzebub in strengem Ton, weil er nicht zugeben wollte, dass sich seine Diener als schlauer als er selbst erwiesen hatten.

„Kirche – das kann man sich so vorstellen, dass wenn die Leute lügen und spüren, dass man ihnen nicht glaubt, dass sie sich dann auf Gott berufen und sagen: ‚Weil ich Gott liebe, ist das die Wahrheit, was ich sage’. Das ist eigentlich Kirche, nur mit der Besonderheit, dass die Menschen, die sich zu dieser Kirche bekennen, der festen Überzeugung sind, dass sie unfehlbar sind, und dass sie sich deshalb später von nichts mehr lossagen können, und sei es auch von Unsinn, den sie nur ein einziges Mal gesagt haben. Eine Kirche entsteht also folgendermaßen: Die Leute reden sich und anderen ein, dass ihr Lehrer, Gott, damit das durch ihn den Menschen offenbarte Gesetz nicht falsch verstanden werden kann, bestimmte Menschen auserwählt hat, und dass diejenigen, denen diese Vollmacht übertragen wurde, einzig seine Lehre wahrhaftig auslegen können. Leute also, die sich ‚Kirche’ nennen, behaupten, dass sie im Besitz der Wahrheit sind, und zwar nicht dadurch, dass das, was sie sagen, die Wahrheit wäre, sondern deshalb, weil sie sich für die einzigen richtigen Erben der Jünger dieses Lehrers halten – der Jünger Gottes.

Und durch diese Manipulation, ähnlich wie bei den Wundern, bekam die Sache einen gewissen Haken, nämlich: dass sich die Menschen gleichzeitig jeder für sich einbilden konnten, dass sie Mitglieder der einzig wahren Kirche seien (und das geschah auch immer). Unser Sieg beruhte einzig darauf, dass die Menschen, kaum dass sie einmal gesagt hatten: „Wir bilden eine Kirche“ und auf dieser Gewissheit eine Lehre aufgebaut hatten, dann die von ihnen verkündeten Worte nicht mehr zurücknehmen konnten, unabhängig davon, welch großer Unsinn es gewesen war und was andere Menschen dazu sagten.“

„Aber weshalb verdrehte die Kirche die Lehre zu unserem Vorteil?“, fragte Belzebub.

„Der Grund ist einfach“, führte der Teufel mit dem Umhang weiter aus. „Wenn die Menschen sich selbst zum einzigen Verkünder der göttlichen Wahrheit machten und andere Menschen davon überzeugten, wurden sie selbst zu Herren über deren Schicksal und besaßen über sie die Macht der Obrigkeit. Besaßen sie einmal diese Macht, wuchs natürlich ihr Dünkel und in den meisten Fällen gerieten sie ins Verderben, weil sie die Empörung und Wut der Menschen auf sich zogen. Weil sie sich die Vernichtung ihrer Feinde zum Ziel setzten und über keine andere Waffe als die Gewalt verfügten, begannen sie alle zu verfolgen, zum Tod zu verurteilen und auf den Scheiterhaufen zu verbrennen, die ihre Macht nicht anerkannten. Auf diese Weise zwang ihre Ausnahmestellung sie zur Verdrehung der Lehre in der Weise, dass diese Lehre ihr schlechtes Leben und ihre Grausamkeit, die sie gegen ihre Feinde zur Anwendung brachten, rechtfertigen sollte.“

V.

„Diese Lehre war doch einst so einfach und verständlich, dass sie gar nicht verdreht werden konnte“, beharrte Belzebub, der noch immer nicht zugeben konnte, dass seine Diener durchtriebener waren als er. „’Verhalte dich gegenüber anderen so, wie du möchtest, dass sie sich dir gegenüber verhalten’ - wie kann man so etwas verdrehen?“

„Indem man sich auf meine Ratschläge verlässt und zu diesem Ziel verschiedene Methoden anwendet“, fuhr der Teufel mit dem Umhang fort. „Die Menschen erzählen darüber Märchen wie das vom guten Zauberer, der einen Menschen vor dem schlechten Zauberer rettete. Er verwandelte ihn in ein Körnchen Hirsebrei. Als der schlechte Zauberer, nachdem er sich in eine Katze verwandelt hatte, gerade dabei war, dieses Körnchen zu verspeisen, verschüttete der gute Zauberer auf dieses Körnchen die ganze Portion dieses Breis. Und der schlechte Zauberer konnte weder alle Körner aufessen, noch dasjenige finden, das er zu essen beabsichtigte. Genau das, um auf meinen Ratschlag zurückzukommen, bewerkstelligten diese Leute mit der Lehre dessen, der gelehrt hatte, dass das ganze Gesetz darauf beruht, dem Nächsten das zu tun, das du willst, das er dir tue: Sie gaben bekannt, dass das Verzeichnis des göttlichen Gesetzes aus 49 Büchern besteht und bezeichneten jedes Wort darin als eine Tat Gottes und des Heiligen Geistes. So also schütteten sie auf die einfache, verständliche Wahrheit diesen Haufen an so genannten heiligen Wahrheiten, sodass es unmöglich wurde, sie alle zu erfassen und darunter diejenige herauszufinden, die für die Menschen wirklich notwendig ist. Darin besteht die erste Methode. Die zweite Methode, die sie mit gutem Erfolg mehr als tausend Jahre lang ausgeübt haben, besteht im Töten und Verbrennen all jener, die die Wahrheit verkünden wollen. Gegenwärtig kommt diese Methode außer Gebrauch, aber sie verzichten nicht völlig darauf. Denn wenn sie auch die Menschen, die die Wahrheit aufzudecken versuchen, nicht mehr verbrennen, so verleumden sie sie jedoch und vergiften ihnen das Leben in einer Weise, dass nur wenige es wagen, sie zu entlarven. Darin besteht die zweite Methode. Die dritte Methode aber besteht darin, dass sie sich zur Kirche, und zwar zur unfehlbaren, bekennen, und dort, wo es ihnen nötig erscheint, Dinge lehren, die dem widersprechen, was in der Schrift gesagt ist: ‚Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen, denn nur einer ist euer Lehrer, aber ihr seid Brüder. Und nennt niemanden Vater auf Erden, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.’ Sie sagen nun: ‚Wir sind die Väter, wir sind eure Lehrer.’ Und wenn gesagt ist: ‚Wenn du beten möchtest, geh in dein Kämmerlein und verschließe es, bete zu deinem Vater im Verborgenen, und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten’, so lehren sie, dass man öffentlich beten soll, in den Gotteshäusern, bei den Klängen der Musik und der Gesänge. Oder es ist in der Schrift gesagt: ‚Aber ich sage euch, dass ihr nicht schwören sollt.’ Und sie lehren, dass man der Obrigkeit unbedingt Gehorsam schwören soll, ohne darauf zu achten, wie die Obrigkeit sich verhält. Oder wenn gesagt ist: ‚Du sollst nicht töten’, so lehren sie, dass man töten darf und im Krieg sogar muss und auch nach einem Gerichtsurteil“, endete der Teufel mit dem Umhang, verdrehte die Augen und brach in ein Gelächter aus, wobei sich sein Maul bis zu den Ohren auseinanderzog.

„Das ist sehr gut“, sagte Belzebub und lächelte, und alle Teufel begleiteten ihn mit einem lauten Lachen.

„Gibt es wirklich so wie früher wieder Wüstlinge, Betrüger, Mörder?“ fragte der bereits freudig gestimmte Belzebub. Die Teufel, ebenfalls aufgeheitert, begannen alle zugleich zu reden, um vor Belzebub ihre Fähigkeiten darzustellen.

„Nicht so wie früher, sondern mehr als früher“, schrie einer von ihnen.

„Die Wüstlinge passen gar nicht mehr in die alten Kategorien“, kreischte ein zweiter.

„Die heutigen Betrüger sind schlimmer als die früheren“, trönte ein Dritter.

„Es fehlt uns Brennholz für die Mörder!“, brüllte ein Vierter.

„Redet nicht alle gleichzeitig; es sollen nur die erzählen, die ich frage“, sagte Belzebub.

„Es soll der vortreten, in dessen Aufgabengebiet die Unzucht liegt und soll sagen, wie er mit den Jüngern dessen fertig wird, der verbot, die Frauen zu wechseln und sagte, man solle die Frauen nicht mit Begehrlichkeit anblicken. Wer befasst sich mit Unzucht?“

„Ich“, antwortete ein brauner, an eine Frau erinnernder Teufel mit einem aufgedunsenen, fleckigen Gesicht, mit unablässig kauendem Maul und kroch auf dem Hinterteil an Belzebub heran. Dieser Teufel kam aus der Reihe heraus, setzte sich in die Hocke, neigte den Kopf zur Seite und indem er seinen zusammengelegten Schwanz wie einen Besen betätigte, begann er mit singender Stimme zu sprechen:

„Wir machen das gemäß der alten Methode, die du, unser Vater und Gebieter, schon im Paradies angewendet hast und die das ganze Menschengeschlecht in unsere Gewalt gegeben hat, und auch gemäß der neuen kirchlichen Methode. So überzeugen wir also die Menschen, dass eine echte Ehe nicht darauf beruht, was sie ihrem Wesen nach ist – das gemeinsame Leben von Mann und Frau -, sondern darauf, dass man ein schickes neues Kleid anzieht, in ein diesem Zweck gewidmetes Gebäude hineingeht, das mit Kerzen erleuchtet, mit Teppichen und Blumen geschmückt ist, um dann vor neugierigem Publikum einen Bund zu schließen im Namen dessen, der lehrte: ‚Aber ich sage euch, dass ihr nicht schwören sollt.’ Wir reden den Menschen ein, dass nur diese Zeremonie die eigentliche und echte Ehe darstellt, dass durch sie die Menschen eine spezielle Gnade von Gott erhalten, dank derer sie, ohne besondere Anstrengungen von ihrer Seite, die zu einem gemeinsamen Leben zur richtigen Erziehung der Kinder notwendigen Fähigkeiten erlangen; und dass jeder Verkehr zwischen Mann und Frau, ungeachtet dieser Voraussetzungen, ein gewöhnliches, zu nichts verpflichtendes Vergnügen oder die Befriedigung eines biologischen Bedürfnisses ist, weswegen die Leute sich keine Umstände machen und sich dieses Vergnügen gönnen sollten. So schafft diese Manipulation so viele Meineide, dass niemand mehr an ihre Verfolgung denkt, da die Gefängnisse zur Bestrafung des Meineids fehlen würden."

Der frauenähnliche Teufel mit dem aufgedunsenen Gesicht neigte den Kopf zur Seite und schwieg, als ob er die Wirkung seiner Worte auf Belzebub abwaerten wollte. Belzebub nickte mit dem Kopf zum Zeichen der Billigung, und der frauenähnliche Teufel fuhr fort:

"Auf diese Weise, ohne auf die ältere, im Paradies angewendete Methode, der ‚Neugier erweckenden verbotenen Frucht', zu verzichten", fuhr der Teufel fort, der unzweideutig versuchte, Belzebub zu gefallen, "erzielen wir beste Resultate. Wenn die Männer sich vor Augen halten, dass sie auch nach vielen Liebeskontakten einen gültigen kirchlichen Ehebund schließen können, so werden sie hundertemale die Frau wechseln und sich derart an die Unzucht gewöhnen, dass sie das auch nach Abschluss des Ehebunds weiter tun werden. Wenn aber einige Forderungen, die mit der kirchlichen Ehe verbunden sind, ihnen ein wenig unangenehm erscheinen, so setzen sie die Zeremonie zum zweiten Mal an, aber die erste Zeremonie bleibt unerwähnt und unwichtig." Der frauenähnliche Teufel schwieg, wischte sich mit dem Schwanzende den aus seinem Mund tropfenden Speichel ab, legte den Kopf auf die andere Seite und starrte schweigend auf das Gesicht von Belzebub.

VI.
"Kurz und bündig: Ich finde es gut", sagte Belzebub. "Wer betreut die Räuber?"
"Das bin ich!", antwortete, indem er sich aus der Menge herausschob, ein mächtiger Teufel mit langem, krummen Beinen, mit einem nach oben gedrehten Schnurbart und großen Pfoten, die ihm schräg vom Leib abstanden. Dieser Teufel, indem er wie seine Vorgänger in den Vordergrund trat, zwirbelte wie die Soldaten seinen Schnurbart nach oben und wartete auf die Fragen.

"Der, der die Hölle zertrümmerte", sagte Belzebub, "lehrte die Menschen zu leben wie die Vögel des Himmels und befahl, dem zu geben, der bittet und dem, der einen Rock nehmen will, auch den Mantel zu geben; und er sagte, dass man, um erlöst zu werden, seinen Besitz teilen sollte. Auf welche Weise bringt ihr die Menschen, die das gehört haben, dazu, zu rauben?"

"Wir gehen genauso vor wie unser Vater und Gebieter bei der Wahl Sauls zum König", entgegnete der schnurbärtige Teufel, indem er mit einer feierlichen Geste seinen Schädel nach oben schnellen ließ.

"Genauso wie damals, reden wir den Menschen ein, dass sie, anstatt damit aufzuhören, sich gegenseitig zu bestehlen, einem Menschen erlauben sollten, zu stehlen, indem sie diesem die gesamte Gewalt über sich geben sollten. Und dieser Mensch und seine Helfershelfer, sie alle berauben das Volk ohne Unterlass in aller Seelenruhe und Gelassenheit. Gewöhnlich führen sie Regelungen und Verordnungen ein, wonach die verderbte Minderheit ohne Strafe die arbeitende Mehrheit ausplündern darf. Wie du also siehst, unser Vater und Gebieter, ist die Methode, die wir anwenden, im Grunde eine alte Sache. Neu an ihr ist nur, dass wir es heute mehr allgemein, im Verborgenen, in Zeit und Raum verteilt und andauernd tun. Allgemeiner ist es sofern, dass früher die Menschen aus eigenem Willen sich dem unterwarfen, den sie gewählt hatten, heute jedoch unterliegen sie unabhängig ihres Willens nicht dem, den sie wählen, sondern jedem beliebigen. Auf verborgenere Weise machen wir es dadurch, dass heute, dank der Einführung der Steuern, insbesondere der indirekten, die Bestohlenen ihre Räuber nicht sehen und oft nicht einmal merken, dass ein Raub stattfindet. Mehr verteilt im Raum ist die Methode dadurch, dass sich die christlich genannten Völker nicht damit zufrieden geben, die eigenen Bürger auszurauben, sondern unter verschiedenen merkwürdigen Vorwänden, vor allem durch den Vorwand der Verbreitung des Christentums, alle fremden Völker berauben, bei denen es etwas zu rauben gibt. In der Zeit ist diese Methode deshalb mehr verteilt als früher, als durch die lokalen oder staatlichen Behörden die Möglichkeit geschaffen wurde, Anleihen zu erwerben, was bewirkt, dass nicht nur die heute lebende Generation, sondern auch die nachfolgenden Generationen schon jetzt beraubt werden können. Diese Methode haben wir dadurch noch dauerhafter gemacht, dass wir die Haupträuber zu unantastbaren Personen erklärt haben, da die Menschen sich vor strengen Strafen fürchten und keinen Widerstand wagen.

Eines Tages setzte ich in die Untersuchungszellen eine schlimme, dumme und unwissende Frau nach der anderen, die keine Rechte hatten gemäß den für sie geltenden Vorschriften, und als letzte setzte ich nicht nur eine Hure hinein, sondern eine Mörderin, die den eigenen Mann, den rechtmäßigen Thronfolger, umgebracht hatte. Und die Menschen haben sie nicht verprügelt und ausgepeitscht, so wie sie das normalerweise mit Mörderinnen gemacht hätten, sondern haben sich ihr und ihren Liebhabern, die man nicht zählen konnte, für mehrere Jahre sklavisch unterworfen, und sie erlaubte ihren Liebhabern, den Menschen nicht nur den Besitz zu rauben, sondern auch die persönliche Freiheit. Der, wie in der heuten Zeit offensichtliche Beraubung, wie z.B. das Wegnehmen von Geld, Pferden oder Kleidung mit Gewalt, stellt nur einen millionsten Teil all der Raubzüge dar, die täglich durch die Leute verübt werden, die die entsprechende Möglichkeit haben. Die gegenwärtige gedeckte und ungestrafte Plünderung und die allgemeine Notfall-Beraubung ist unter den Menschen derartig organisiert, dass sie für fast alle zu einem Hauptziel und einer heißen Begierde geworden ist, und maskiert wird sie nur beim Kampf der Räuber gegeneinander.

VII.

"Na also, sehr gut", sagte Belzebub. "Und Mord? Wer betreut die Morde?"

"Ich!", antwortete, aus der Menge hervortretend, ein blutroter Teufel mit aus dem Maul herausstehenden Zähnen, scharfen Hörnern und einem unbeweglich nach oben gerichteten Schweif.

"Wie zwingst du die Jünger dessen zu Mord, der gelehrt hat: 'Vergelte nicht Schlechtes mit Schlechtem, liebe deine Feinde? Wie machst du aus solchen Menschen Mörder?"

"Wir machen das gemäß der alten Methode", entgegnete der rote Teufel mit ohrenbetäubender, abgehackter Stimme, "indem wir in den Menschen Habgier, Streitsucht, Hass, Rachsucht und Hochmut entfachen; wir wenden auch die alte Methode an, bei der wir den Verkündern der Lehre einreden, dass die beste Methode, den Menschen den Mord abzugewöhnen darin bestünde, dass die Verkünder selbst diejenigen umbringen, die einen Mord verübt haben. Diese Methode bringt zwar keine fertigen Mörder hervor, aber sie bereitet welche für uns vor. Eine größere Zahl verschaffen uns neue Lehraussagen: über die Unfehlbarkeit der Kirche, über die christliche Ehe oder über die Gleichheit der Christen. Die Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche gab uns schon seit langer Zeit die größte Anzahl der Mörder. Menschen, die sich für Mitglieder der unfehlbaren Kirche halten, nahmen die Überzeugung an, dass es ein Verbrechen sei, den Vertretern einer falschen Lehre zu erlauben, die Menschen zu verderben, sodass deren Tötung eine Tat der Liebe zu Gott sei. Auf diese Weise wurden ganze Dörfer ausgelöscht und Hunderttausende von Menschen zum Tod verurteilt. Merkwürdig erscheint dabei, dass die, welche Menschen, die begannen, die wahre Lehre zu verstehen, zum Tod verurteilten, diese für uns äußerst gefährlichen Menschen als unsere Diener, also Diener der Teufel betrachteten. Diejenigen aber, die andere töteten und auf den Scheiterhaufen verbrannten und daher tatsächlich unsere Diener waren, betrachteten sich als Erfüller des heiligen Willen Gottes. So war es in den vergangenen Zeiten; in unseren Zeiten beschafft die größte Zahl von Mördern die Lehre von der christlichen Ehe und von der Gleichheit. Die Lehre von der Ehe bringt uns vor allem gegenseitige Morde von Ehepartnern, und sodann auch Kindsmorde, die durch Mütter vollbracht werden. Männer und Frauen bringen sich gegenseitig um, wenn manche Forderungen des Gesetzes und des kirchlichen Ehebundes ihnen zu unbequem erscheinen. Die Mütter hingegen töten ihre Kinder dann, wenn die Verbindungen, aus denen die Kinder entstanden, nicht als Ehe angesehen werden. Solche Morde werden immer wieder verübt. Die Morde, die durch die christliche Lehre von der Gleichheit hervorgerufen werden, werden regelmäßig verübt, aber nicht so häufig. Gemäß dieser Lehre redet man den Menschen ein, dass sie gleich vor dem Gesetz sind. Ausgeplünderte Menschen sehen jedoch, dass das nicht wahr ist. Sie sehen, dass es keine Gleichheit gibt, da die Plünderer ungestört plündern können, es ihnen selber aber nicht gestattet ist, sich zu vereinigen und über ihre Plünderer herzufallen. Dann beginnen sie, sich gegenseitig zu ermorden, was uns gegenwärtig Zehntausende von Mördern einbringt.


VIII.
"Und der Mord im Krieg? Auf welche Weise bringt ihr die Schüler dessen zu so etwas, der die Menschen Kinder eines Vaters nannte und gebot, die Feinde zu lieben?", fragte Belzebub.

Der rote Teufel fletschte die Zähne, stieß aus der Schnauze einen Strom von Feuer und Rauch aus, und schlug sich mit dem dicken Schwanz freudig auf den Rücken.

"Wir reden jedem Volk ein, dass es das beste Volk auf der Welt sei: 'Deutschland über alles', Frankreich, England, Russland ‚über alles’, und dass dieses Volk über alle anderen Völker herrschen sollte; sodann reden wir allen Völkern das Gleiche ein, nämlich die ständige Gefahr zu wittern, die von Seiten der Nachbarn drohe; die Völker bereiten sich ständig auf die Verteidigung vor und entfachen in sich Hass. Die eine Seite rüstet umso mehr zur Verteidigung und entfacht zu diesem Zweck Hass auf die Nachbarn, je mehr alle übrigen Völker sich zur Verteidigung rüsten und so den gegenseitigen Hass schüren. So sind also all die Menschen, die einst die Lehre dessen angenommen hattn, der uns Mörder nannte, mit der Vorbereitung des Mordens beschäftigt und mit dem Morden selbst.

IX.

"Ja, das ist sehr witzig", sagte Beelzebub nach einem längeren Schweigen. "Aber weshalb wehrten sich die Gelehrte, die gegen Betrug gefeiten Menschen, nicht dagegen, dass die Kirche die Lehre verfälschte und ihre ursprüngliche Bedeutung verdrehte?"

"Die Gelehrten können das nicht tun", antwortete in sicherem Ton, indem er sich in den Vordergrund schob, ein dunkelbrauner Teufel in einer Gelehrten-Toga, mit flacher, abfallender Stirn, dünnen Gliedmaßen und abstehenden, langen Ohren.

"Weshalb?!", fragte streng Belzebub, der mit dem selbstsicheren Ton der Antwort des Teufels in der Toga unzufrieden war.

Unbeeindruckt von dem Einwurf Beelzebubs setzte sich der Teufel in der Toga gemächlich und gelassen hin, und zwar nicht in die Hocke wie die anderen, sondern nach Art des Ostens – indem er die muskelschwindsüchtigen Beine kreuzte. Dann begann er ohne Stocken zu sprechen, mit einer leisen, gemessenen Stimme:

"Sie können es deshalb nicht tun, weil ich ständig ihre Aufmerksamkeit von dem abziehe, was sie können und wissen sollten und sie auf das lenke, was für sie gar nicht notwendig ist und was sie niemals wirklich durchschauen können."
"Und auf welche Weise bewirkst du das?"

"Methoden gibt es verschiedene, entsprechend des Falesl", entgegnete der Teufel in der Toga. "Früher redete ich den Menschen ein, dass für sie die wichtigste Sache sei, die Einzelheiten des Streits um die in einer Person vereinigte Dreieinigkeit zu kennen, die Einzelheiten zum Thema der Herkunft Christi, seiner göttlichen oder menschlichen Natur, der Eigenschaften Gottes usw. Die gelehrten Menschen diskutierten viel und weitschweifig darüber, zankten sich und ärgerten sich übereinander. Aber diese Diskussionen absorbierten sie dermaßen, dass sie überhaupt nicht daran dachten, wie sie leben sollten, da sie auch nicht das Bedürfnis hatten zu wissen, was ihr Lehrer sagte und vorlebte.

Dann, als sie sich schon so in ihre Erörterungen verwickelt hatten, dass sie selbst nicht mehr verstanden, was sie sagten, redete ich ihnen ein, dass die wichtigste Sache für sie sei, alles zu erforschen und zu erklären, was ein Mensch mit dem Namen Aristoteles geschrieben hatte, der tausend Jahre zuvor in Griechenland gelebt hatte; anderen hingegen redete ich ein, dass das Wichtigste sei, den Stein zu finden, mit dessen Hilfe man Gold und ein Elixier erschaffen könne, das alle Krankheiten heilen und die Menschen unsterblich machen könne. Und die schlauesten und gelehrtesten unter den Menschen richteten alle ihre erdenkbaren Kräfte auf diese Dinge. Denen jedoch, die das nicht interessierte, redete ich ein, dass die wichtigste Sache sei, zu wissen, ob die Erde sich um die Sonne dreht, oder aber die Sonne um die Erde. Und als sie erkannten, dass sich zwar die Erde dreht, nicht aber die Sonne, und ausrechneten, wie viele Millionen Meilen es von der Sonne zur Erde sind, freuten sie sich sehr und seit jener Zeit erforschten sie mit noch größerem Eifer die Entfernung zu den Sternen und sie können sich nicht darüber wundern, dass die Zahl der Sterne unendlich ist, weil ihnen das Bewusstsein dafür abhanden gekommen ist. Im Gegensatz dazu redete ich ihnen noch ein, dass sie unbedingt wissen müssten, auf welche Weise alle Tiere, alle Würmer, alle Pflanzen und all die ungezählten Lebensformen entstanden sind. Dabei sind diese Wissensgebiete für sie überhaupt unnötig und es ist völlig klar, dass sie nie imstande sein werden, all diese Einzelheiten zu kennen, da die Vielfalt des Lebens unendlich ist – doch auf diese und ähnliche Forschungen über die Erscheinungen der göttlichen Materie richten die Menschen alle ihre Denkkräfte und wundern sich sehr, dass, je mehr Dinge sie erkennen, deren Erkenntnis ihnen überhaupt nichts nützen, desto mehr Dinge auftauchen, die sie noch nicht kennen. Und obwohl es klar ist, dass in dem Maß der Fortführung dieser Forschungen der Bereich dessen, was noch zu erforschen ist, sich erweitert, gibt es immer mehr Wissenschaftsbereiche und die wissenschaftlichen Erkenntnisse finden immer weniger Anwendungsmöglichkeiten im Leben. Die Gesellschaft kann damit nichts anfangen und diese Menschen, überzeugt von der Bedeutung ihrer Forschungen, forschen, reden, schreiben und drucken, übersetzen von einer Sprache in die andere die Ergebnisse ihrer umfangreichen Forschungen und Erörterungen – und wenn sie einmal zu etwas zu gebrauchen sind, dann nur zum Wohle einer reichen Minderheit oder zur Verschlechterung der Lage der armen Mehrheit.

Danach jedoch, damit wirklich niemand mehr daran denken könnte, dass es für sie die einzige wirkliche Notwendigkeit wäre, die Gesetze des Lebens zu ergründen, die in der Lehre Jesu aufgezeigt wurden, gab ich ihnen ein, dass sie die Gesetze des geistigen Lebens gar nicht erkennen können und dass jede religiöse Lehre, ohne die Lehre Jesu auszunehmen, ein Haufen Irrtümer und Aberglauben sei, und dass sie das Wissen um das, wie man richtig leben solle, dank einer Soziologie genannten Wissenschaft erhalten könnten, die auf der Erforschung dessen beruht, auf welche schlechte Weise die Menschen früher gelebt haben. Statt sich zu bemühen, gemäß der Lehre Christi besser zu leben, denken sienun, dass es genüge, das Leben früherer Menschen zu erforschen, indem sie aus diesen Forschungen allgemeine Lebensgesetze ableiten, und dass sie, um besser zu leben, nur diesen erdachten Lehrsätzen folgen müssten. Um sie noch mehr in ihren Fehlern zu bestärken, rede ich ihnen ein, dass es ein gewisses System des Wissens gibt, das ‚Wissenschaft’ genannt wird und dass an den Ergebnissen dieser Wissenschaft nicht zu rütteln sei. Dadurch gelangen die, die als Protagonisten dieser Wissenschaft angesehen werden, zur Überzeugung ihrer Unfehlbarkeit, wobei sie als unbezweifelbare Wahrheit aussprechen, was in Wirklichkeit überflüssig oder häufig ganz offensichtlich unsinnig ist, von dem sie sich aber nicht mehr lossagen können, wenn sie es einmal ausgesprochen haben. Nach dem Stand der Dinge behaupte ich, dass solange ich ihnen die Ehrerbietung und Beflissenheit gegenüber der Wissenschaft* einreden werde, die ich mir für sie ausgedacht habe, sie die andere Lehre*, die uns um ein Haar in den Untergang geführt hätte, nie verstehen werden.

* Im Russischen steht für „Wissenschaft“ und „Lehre“ (Jesu) dasselbe Wort!

X.

"Sehr gut! Ich danke", sagte Belzebub und sein Gesicht hellte sich auf. "Ihr habt euch eine Belohnung verdient und ich werde euch nach euren Verdiensten belohnen."

"Aber uns hast du vergessen o Herr!", schrie mit lauter Stimme eine Meute verschiedenartiger Teufel, kleiner, großer, dicker, magerer und krummbeiniger.

"Was ist euer Beruf?", fragte Belzebub.

"Ich bin der Teufel des technischen Fortschritts!"

"Und ich der der Arbeitsteilung!"

"Und ich der der Verkehrswege und der Kommunikation!"

"Und ich der der Druckerkunst!"

"Und ich der der schönen Künste!"

"Und ich der der Medizin!"

"Und ich der der Kultur!"

"Und ich der der Erziehung!"

"Und ich der der Weltverbesserung!"

"Und ich der des Rauschgifts!"

"Und ich der der Philantrophie!"

"Und ich der des Sozialismus!"

"Und ich der des Feminismus!", schrieen sie durcheinander, indem sie sich vor das Gesicht Beelzebubs drängelten.

"Sprecht einzeln und nicht durcheinander!", schrie Beelzebub.

"Womit beschäftigst du dich?", wandte er sich zuerst an den Teufel des technischen Fortschritts. "Ich rede den Menschen ein, dass sie desto glücklicher sein werden, je mehr Dinge sie besitzen und herstellen und je schneller sie dies tun,. Und indem die Menschen ihr Leben mit der Herstellung von Dingen vergeuden, stellen sie immer mehr davon her, und achten nicht darauf, dass diese Dinge, zu deren Herstellung sie gezwungen werden, weder notwendig sind, noch erschwinglich für die, die sie produzieren."

"Gut und du?", fragte Belzebub den Teufel der Arbeitsteilung.

"Ich rede den Menschen ein, dass sobald man Gegenstände schneller mit der Hilfe von Maschinen als mit Hand herstellen kann, man dann die Menschen an die Maschinen anpassen müsse; und genau das wird gemacht. Aber die Menschen, die an die Maschinen angepasst worden sind, hassen die, die das mit ihnen gemacht haben."

"Auch das ist gut!" Und wie steht es mit dir?", sagte Belzebub, indem er sich an den Teufel der Verkehrswege und der Kommunikation wandte.

"Ich rede den Menschen ein, dass sich die Notwendigkeit ergibt, sich so schnell wie möglich von einem Ort zum anderen zu bewegen. Und anstatt dass die Menschen ihr Leben jeder an seinem Ort verbessern, verbringen sie den größeren Teil davon unterwegs. Sie sind sehr erpicht darauf, im Verlauf einer Stunde 50 Werst oder mehr zurückzulegen."

Belzebub lobte auch diesen Teufel. Aus der Menge trat der Teufel der Druckerkunst hervor. Seine Arbeit besteht, wie er erklärte, darin, in so großer Zahl wie möglich unter den Menschen alle die Abscheulichkeiten und Dummheiten zu verbreiten, die passieren und über sie in der ganzen Welt zu berichten.

Der Teufel der schönen Künste erklärte, dass er unter dem Vorwand, Freude zu bringen und in den Menschen erhabene Gefühle aufzubauen, ihre üblen Gewohnheiten fördere, indem er diese in verführerischer und attraktiver Pose darstellt. Der Teufel der Medizin erklärte, dass er den Menschen einrede, dass die wichtigste Sache für sie die Sorge um den Körper sei; und wenn die Sorge um den Körper kein Ende hat und die Menschen sich um den gesamten Körper mit Hilfe der Medizin kümmern, vergessen sie nicht nur das Leben anderer Menschen, sondern auch ihr eigenes. Der Teufel der Kultur beschrieb, wie er den Menschen einrede, dass der Gebrauch all dieser Gegenstände, mit denen sich die Teufel des technischen Fortschritts, der Arbeitsteilung, der Verkehrswege und der Kommunikation, der Druckerkunst, der schönen Künste und der Medizin befassen, etwas im Bereich der Tugend bewirke, und dass der Mensch, der dies alles gebrauche, vollkommen zufrieden mit sich sei und nicht versuchen müsse, besser zu werden. Der Teufel der Erziehung erklärte, wie er den Menschen einredet, dass sie, auch wenn sie schlecht leben und nicht wissen, worin das Wesen eines guten Lebens besteht, den Kindern dennoch ein gutes Leben lehren können. Der Teufel der Weltverbesserung erzählte, wie er die Menschen überzeugt, dass sie andere verbessern können, ohne sich in irgendeiner Weise um ihre eigenen schlechten Lebensgewohnheiten zu kümmern. Der Teufel des Rauschgifts lobte sich, dass er die Menschen lehrt, dass es bequemer sei, das Vergessen zu suchen, indem sie sich mit Wein, Opium, Morphium und Tabak berauschen, statt sich von den Leiden, die durch ein schlechtes Leben entstehen, durch eine Verbesserung dieses Lebens zu befreien. Der Teufel der Philantropie erzählte, dass er den Menschen einrede, dass sie wohltätig sind, wenn sie ausgiebig rauben und dem Beraubten ein wenig davon zurückgeben. Dadurch verspüren sie keine Notwendigkeit, sich zu vervollkommnen und bleiben unzugänglich für das Gute.

Der Teufel des Sozialismus lobte sich, dass er im Namen einer vollkommenen Organisation der menschlichen Gesellschaft Klassenhass sät. Der Teufel des Feminismus fügte hinzu, dass er für eine noch eine größere Vervollkommnung der Organisation des Lebens neben dem Klassenhass noch den Hass zwischen den Menschen verschiedenen Geschlechts säe.

"Ich bin der Komfort!" "Und ich die Mode!" schrien noch andere Teufel, indem sie an Belzebub herankrochen.

"Ihr denkt vielleicht, dass ich alt und dumm bin und nicht verstehe, dass alles, was für uns schädlich sein könnte, für uns nützlich ist, wenn die Lehre über das Leben verkehrt ist", schrie Belzebub und lachte laut auf.

"Genug! Ich danke allen!" Und indem er mit seinen Flügeln flatterte, stand er auf. Die Teufel bildeten um ihn einen Kreis. Am einen Ende der Reihe stand der Teufel mit dem Umhang, am anderen Ende der Teufel mit der Toga. Beide gaben sich die Pfoten und der Kreis war geschlossen. Die Teufel lachten, schrien, pfiffen und stampften mit den Füßen und begannen um Belzebub herum zu tanzen. Dieser tanzte flügelschlagend in der Mitte. Über ihm konnte man Heulen, Schreien und Zähneknirschen hören.